Waldstück,
Josef Filipp Galerie,
Mai – 22. Juni 2019

Spätestens nach den Stürmen Xavier, Herwart und Friederike wurde man wieder daran erinnert, dass auch der Wald nicht selbstverständlich und unverwundbar ist. Skurrile ausgerissene Wurzeln und malerische Baumreste ließen mich an die Grabsteine in Form von Baumstümpfen denken, die man manchmal auf alten Friedhöfen findet.

Urwald, deutscher Wald, deutsche Romantik, deutsche Eiche, Märchenwald, Waldsterben. Im Wald verbergen sich geheimnisvolle Wesen, er ist ein gefährlicher Ort. Im Wald ist es dunkel, man verirrt sich da. Im Wald, da sind die Räuber. Ökosystem. Im Wald findet man Erholung und Entspannung. Das geheime Leben der Bäume. Heilung aus dem Wald. Waldbaden ist der neue Trend.

Meine Baumstümpfe sind abgeholzt, sie haben ausgedient, ihre Wurzeln liegen bloß. Das, was übrig bleibt von ihrem langen Leben, ihrer Kraft, Schönheit, und Komplexität, wurde zu glänzenden keramischen Wandobjekten. Ihr Geheimnis liegt in der Vergangenheit.

Die neuesten Wandobjekte verweisen auf meine Arbeit zur Ergänzung einer Renaissance-Wandarbeit aus der Della Robbia Werkstatt für das Grassi Museum. Im Laufe dieses Projektes habe ich mich mit den vielfältigen und fantasievollen aus der Natur entlehnten Dekoren dieser Zeit auseinandergesetzt. Das fertige Andachtsbild mit einer originalen Della-Robbia-Madonna und einigen von mir ergänzten Teilen wird ab Juni im Leipziger Grassi Museum für Angewandte Kunst in der Dauerausstellung Antike bis Historismus zu sehen sein.

Rosi Steinbach


Rosi Steinbach: Wild Nature
Josef Filipp Galerie

November 2017 – 6. Januar 2018

»Wild Nature« - das sind Menschen, Tiere und Pflanzen. Eine verblüffende Auswahl und Mischung von Geschöpfen, die keiner konkreten Kultur, Region oder Epoche zuzuordnen sind. Eine Willkür, die dem Anschauen Lust verschafft. Jedes Objekt setzt neu an und zeigt – wie zufällige Notate aus der Enzyklopädie des Lebendigen – jede Kreatur mit einem ihr zugedachten, von der Künstlerin spendierten Zusammenhang. 
Die dünnwandigen Keramikobjekte, hoch gebrannt und glasiert, fassen das Material traditionell auf. Der formbare Werkstoff folgt allein der vorgestellten Figur, kein Zufall, keine experimentell verfremdende Handhabung. Es scheint fast ein spielerisch leichthändiges Nachbilden, an der Grenze zwischen dekorativem und künstlerischem ObjektWäre da nicht der Galerieraum, wo die Exponate naturgemäß der Assoziation preisgegeben sind und in der Ambivalenz von Wesen und Gegenstand nach Deutung verlangen Und wäre da nicht auch die Distanz schaffende, hochglänzende Oberfläche, die eine vornehm kühle Aura der Unberührbarkeit erzeugt, die die Figuren hebt und veredelt und gleichzeitig etwas zu verbergen scheint. Die unprätentiösen, realistischen Abbildungen sind dann doch anspruchsvoll und unbescheiden, wenn es um den kleinen, entscheidenden Mehrwert geht, der den Grund gibt, sie herzuzeigen.

Die Schlangen, zum Knäuel gewickelt, verschweigen ob sie aus dem Regenwald, dem Mythos, als Lebensretter oder Todbringer ins Kunstwerk gekommen sind. Zwei Waldrappe, einst in großen Kolonien intensiv bejagt und heute kaum mehr frei lebend zu finden, präsentieren sich tatsächlich in Trophäen-Manier und Affen kokettieren mit ihren menschlichen Attributen; amüsant, hintergründig, unheimlich.

Zwei Porträts, als Tondi ausgeführt, stecken die überschaubare Existenz des Menschen ab. Zum einen Karl, ein jugendliches Gesicht der Gegenwart – und zum anderen sein Gegenüber, Alter Mann, das nachgebildete Antlitz des ältesten uns bekannten Vorzeitmenschen. Seine fossilen Reste wurden gerade überraschend im marokkanischen Jebel Irhoud* gefunden, von den Künstlern Adrie und Alfons Kennis zur Figur rekonstruiert und von Steinbach ins Porträt übersetzt. Die beiden Tondi umspannen nunmehr 300.000 Jahre menschliche Existenz – viel mehr als bislang angenommen - jedoch immer noch wenig im Verhältnis zur Existenz der Tiere.

Steinbach streift gekonnt arglos diesen Zusammenhang von Koexistenz und Hierarchie: Ein Mann trägt behutsam ein Kaninchen. Aber die Größenverhältnisse sind ungewöhnlich – ist der Mann zu klein für das Tier oder das Tier zu groß für ihn? Wer ist richtig? Und vor wessen Maßstab? Ebenso bleibt in den Figurengruppen auf spannende Weise ungesagt, wer wen führt, hält, dominiert oder ob es eine andere Instanz gibt, die die Figuren sortiert, bewertet und in Bezug setzt. Möglich, dass es gar keine gibt – oder jede denkbare.

Der 300.000 Jahre alte Nordafrikaner und der Orang-Utan mit dem Kreativspielzeug, das Kaninchen mit dem Mann, die Frau mit der Gans und auch Karl sind gleichermaßen souverän und borgen sich gegenseitig Pose und Verhalten - kein Urteil, kein Vorwurf. Der Forscherblick von Rosi Steinbach auf die Kreatur hat keinen Moralfilter. Steinbach ist ihren Wesen freundlich zugewandt und so gelingt es ihren Objekten, die Frage nach unserem Bezug zum Anderen jenseits zivilisationstheoretischer Diskurse zu stellen, mitten in der »Wild Nature«.

Von Tina Simon


“Depot” in “Gedanken Raum geben”,
Grassi Museum für Angewandte Kunst Leipzig,
24.November 2016 – 28. Mai 2017

Meine Keramikobjekte in sind keiner bestimmten Religion, keinem Kult und keinem bestimmten historischen oder kulturellen Zusammenhang zugeordnet. Es sind meist unprätentiöse realistische  Abbildungen von Wesen oder Gegenständen. Es sind Dinge, von denen ich glaube, dass sie eine gewisse Kraft ausstrahlen. Die, wenn man den Gedanken dazu Raum gibt, einen ganz subjektiven und doch kollektiv geprägten Assoziationsfluss bewirken können.

Schlangen zum Beispiel lösen bei vielen Menschen Angst, Entsetzen oder Faszination aus. Adam und Eva, als sie noch unschuldig waren, haben sich von der Schlange offenbar nicht erschrecken lassen. Seit dem Sündenfall sind wir jedoch vor ihr auf der Hut. Meine Schlangen hängen an der Wand wie aufgerollte Gartenschläuche, so als wären sie dort aufbewahrt. Möglicherweise warten sie nur auf den richtigen Augenblick, um aktiv zu werden.

Wenn der Affe einen Blumenstrauß in den Raum hält, kann man das an einem guten Tag für eine nette Geste halten. Aus dem natürlichen Lebensraum des Affen stammen die Blumen aber nicht. Und ob man es als ein freundliches Lächeln deuten kann, wenn der Schimpanse die Zähne zeigt, ist auch nicht sicher.

Der Pudel liegt mit edelsteinbesetztem Halsband auf einer Art Sänfte, die an ein chinesisches Möbel erinnert. Heißt es nicht, dass in China Hunde gegessen werden? Dieser hier ist offenbar so wohlhabend, dass er sich darum keine Sorgen machen muss und es schon zu einem hohen Alter gebracht hat oder zumindest zum Laufen zu bequem ist und sich tragen lässt. Mephisto ist als schwarzer Pudel aufgetreten. Was sich hinter einem schwarzen Hund verbirgt, kann man nie wissen.

In meinem Depot sind die Objekte aufbewahrt und warten darauf, dass jemand sie entdeckt und mit sich, mit seiner Zeit und zueinander in Beziehung bringt. Die Damen und Herren in den Regalen machen sich dazu ihre Gedanken, und die Besucher können gern die eine oder andere Büste auswählen und ihrerseits über die Person nachsinnen, die da abgebildet wurde.

Rosi Steinbach


Rosi Steinbach

Rosi Steinbach, a latecomer to the art world, has already found her way onto a museum pedestal. And not any old allotment museum, but Leipzig’s renowned Grassi Museum. In the new part of the permanent exhibition, her bust ‘Sebastian’ (surname Gögel) is displayed on equal standing with a piece by Rodin.

In spite of the reduced format, the series with the unmistakeable title »Heroes« makes the respectful distance even clearer. Jonathan Meese, Neo Rauch and Daniel Richter, heroes of the contemporary art scene, are mounted on support structures which appear geological in form, so that they do not have to be hung.

Rosi Steinbach models her sculptural ceramics with impressive precision without fully succumbing to naturalism. The brightly coloured paint depicts clothing, hairstyles or tattoos, and gives the busts a real contemporary air, preventing confusion with similar works from ages past.

However, in one cycle, she describes an immense historic arc. It ranges from Agamemnon, the Mycenaean ruler, to Darth Vader, the equally mythical hero of a future century. The two are joined by masks of the Ticuna Indians, Guy Fawkes – forefather of the Occupy movement – and a horned being from the Alpine regions. All five ceramics are gilded and thus not only appear dignified, but strikingly similar in spite of their provenance from different ages, while also extremely distinct.

Rosi Steinbach manages to create a uniquely cool but familiar atmosphere with media which could otherwise be considered sentimental trash.

Rutger Brandt, Rutger Brandt Gallery Amsterdam


Rosi Steinbach
Singerie /Affenkabinett
7. Nov 2014—15. Feb 2015

»Singerie« kommt von dem französischen Wort singe für Affe und so nennt man im Frankreich die Affenkabinette, die im 18. Jahrhundert in Mode waren. Die Kabinette mit Porzellanaffen und Malereien von Affen, die äffische Verhaltensweisen der Menschen nachahmen, gehörten zur Rokoko-Ausstattung vieler Schlösser.

Affen als Sujet der Malerei und Skulptur ziehen sich durch die Kunstgeschichte: Abraham und David Teniers mit ihren opulenten Genreszenen, bei denen zuweilen Affen die Stelle der Menschen einnehmen, Jan Brueghels Allegorie der Tulipomanie, Kändlers Affenkapelle aus Meißener Porzellan, Gabriel von Max, der nicht nur zahlreiche Affenbilder malte, sondern sich auch mit den Theorien Darwins beschäftigte und sich als Affenforscher betätigte und Jörg Immendorf, der den Affen als sein Alter Ego schuf, sind Beispiele. Um scheinbar absurde Verhaltensweisen von Menschen aufzuzeigen, benutzt man gern die Tiere, die mit uns am engsten verwandt sind. Daher kann sich zur Ironie ein leises Entsetzten darüber mischen, dass wir so sind, wie wir sind.

Die meisten Arbeiten in dieser Ausstellung entstanden während meines Aufenthaltes als Artist in Residence in Vallauris in Südfrankreich. Picasso lebte und arbeiteten mehrere Jahre in diesem Ort an der Côte d’Azur. Dort entdeckte er die Keramik für sich und schuf zahlreiche Objekte aus Ton.

Rosi Steinbach


Rosi Steinbach »Kunst und Heimat«
Filipp Rosbach Galerie, 2. März—21. April 2012

Rosi Steinbach arbeitet seit einigen Jahren an verschieden Werkgruppen mit Büsten aus Keramik. Bei »Leipzig Citizens« sind es Familienangehörige und Freunde. Aus der Reihe »Künstlerbüsten« haben einige Arbeiten Eingang in die Staatliche Kunstsammlung Dresden gefunden und die Büste »Sebastian« [Sebastian Gögel] ist in der neuen Dauerausstellung im Grassi Museum für Angewandte Kunst zu sehen. Zudem hat sie auch Aufträge für Porträtbüsten angenommen.

Als Vorlage dienen neben den Modellen selbst eigene Fotos und Skizzen. Ihre Keramikbüsten stehen sowohl in der Tradition der Della Robbias aus dem Florenz des 15. Jahrhunderts als auch der Holzskulpturen von Stephan Balkenhol. Auch die Cutouts der späten 60er des amerikanischen Malers Alex Katz dürften zu ihren Inspirationsquellen gehören. In diesem weiten Spannungsfeld ihrer Vorbilder entwickelt sie mit einem Augenzwinkern und ihrer eigenen Stärke wohl bewusst, ihre eigenständigen Skulpturen, die in ihrer Farbigkeit bisweilen recht poppig daherkommen.

In der Ausstellung »Kunst und Heimat« sind weitere Arbeiten zu sehen, die alle auf irgendeine Weise unsere Alltagskultur kommentieren. Die Grenzzone zwischen Dekoration und Kultobjekt, alltäglichem Gestaltungswillen und der »hohen« Kunst dient als Ausgangspunkt für die Bildfindung. Die hochglänzenden, farbig glasierten, bemalten und manchmal sogar vergoldeten Objekte sind nicht nur dekorativ, sondern immer auch ein Versuch, den Zustand der Welt zu beschreiben.

Die Ausstellung »Kunst und Heimat« ist die Preisträgerausstellung des Leipziger Jahresausstellung e. V. und findet in Kooperation mit der Filipp Rosbach Galerie statt. Die Ausstellung wird von einer Publikation begleitet.

Der Preis der Leipziger Jahresausstellung, gestiftet von der Sparkasse Leipzig und der Elke und Thomas Loest Stiftung wird zum 13. Mal vergeben.
Er ist dem Leipziger Industriepionier Karl Heine [1819–1888] gewidmet.

Für die Leihgaben in der Ausstellung bedanken wir uns herzlich bei Dr. Dr. Thomas Rusche, SØR Rusche Sammlung, bei Dr. Hartmut Hennebach und den ungenannten Leihgebern.

Josef Filipp